WBF KMU-Portal: Arbeitswelt: «Ein Verein hilft beim Wiedereinstieg»

By 17. April 2018 Nachrichten
Die Berner Organisation Jobtimal ermöglichte 80 Sozialhilfebezügern, einen neuen Job zu finden. In das Projekt sind viele KMU involviert.Unter den 265’000 Sozialhilfebezügern in der Schweiz* finden sich viele Personen, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters oder wegen körperlicher oder psychischer Einschränkungen nicht mehr am Arbeitsmarkt teilhaben. Sie erfüllen jedoch nicht automatisch die Kriterien der Invaliditätsversicherung. Der Verein Jobtimal wurde gegründet, um auf die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe im Kanton Bern zu reagieren. Er hilft Langzeitarbeitslosen, indem er sie mit potenziellen Arbeitgebenden in Kontakt bringt. Wenn sie eine Stelle bekommen haben, begleitet er sie während maximal zwei Jahren bei ihrer Wiedereingliederung.

„Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren stellen fest: Nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit nehmen die Chancen, wieder eine Arbeit zu finden, rapide ab. Nach zwölf Monaten beginnt man von Langzeitarbeitslosigkeit zu sprechen. Und nach mehreren Jahren ohne Erwerbstätigkeit ist die Wahrscheinlichkeit, ohne Unterstützung eine neue Stelle zu finden, sehr gering“, betont Franz Reber, Teamleiter und JobCoach bei Jobtimal. Das Programm gibt diesen Langzeitarbeitslosen neue Hoffnung. „Der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt eröffnet neue Perspektiven, man fühlt sich nützlich und wertgeschätzt.“ Die Entwicklung von Jobtimal seit 2013 ist das Ergebnis einiger Runder Tische zwischen dem Kanton und der Stadt Bern sowie den Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. 

KMU bieten einen passenden Rahmen

Viele KMU haben Arbeitnehmende eingestellt, die Jobtimal für sie rekrutiert hat, und ihnen schliesslich einen unbefristeten Arbeitsvertrag angeboten. „Die Erfahrungen, die wir bisher mit kleinen und mittelgrossen Firmen gemacht haben, sind sehr überzeugend“, stellt Franz Reber fest. „In KMU lässt sich leichter Vertrauen aufbauen, da wir direkt mit der Geschäftsführung in Kontakt stehen und Entscheidungen rasch getroffen werden.“

Sich sozial zu engagieren, ist nicht nur Sache der grossen Firmen: Auch kleine und mittlere Unternehmen können etwas beitragen. Dirk Mewes, Inhaber des Feinkostladens Vom Fass in Bern, unterstützt diese Form des Engagements. „Wir haben als Unternehmer eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Die Stadt hat mir dabei geholfen, mich selbstständig zu machen, und es ist normal, dass ich die Unterstützung, die ich erfahren habe, heute zurückgebe.“

Der Unternehmer nahm im Sommer 2015 Kontakt zu Jobtimal auf. Er stellte eine Person ein, die aufgrund der Folgeschäden einer Krebserkrankung Probleme beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt hatte. „Ich habe seine Arbeitszeit angepasst. Er ist zu 60% beschäftigt, aber pro Woche 70% bei uns. So kann er mehr Pausen nehmen, wann er möchte, und in seinem eigenen Rhythmus arbeiten.“ Das heisst nicht, dass der Arbeitnehmer keine Verantwortung trägt. „Im Gegenteil: Der Angestellte ist für das Lager, das Einräumen der Produkte im Laden und die Sauberkeit zuständig. Seine Anwesenheit ist für den reibungslosen Ablauf im Laden unverzichtbar. So können die anderen Beschäftigten und ich uns auf die Verwaltung und den Verkauf konzentrieren.“ 

Positive Energie

„Es ist eine Win-Win-Situation“, erklärt Dirk Mewes, der für die Feiern zum Jahresende gerade eine zusätzliche Person über Jobtimal eingestellt hat. „Die Arbeit ist nützlich. Darüber hinaus erzeugt es eine positive Energie im Team, wenn man an solchen Programmen teilnimmt, und es fördert das gute Image des Unternehmens.“ Im Gegenzug muss der Arbeitgeber darauf achten, dass der Arbeitnehmer sein Arbeitsverhältnis unter guten Bedingungen aufnehmen kann. Manchmal muss er ihm mehr Zeit für die Einarbeitung gewähren und ihm dabei helfen, sich an die Situation zu gewöhnen. Anschliessend ist auch eine intensivere Begleitung sicherzustellen.

Gibt es auch Nachteile? „Einige Mitarbeiter können psychische Einschränkungen haben, die mit der Stelle unvereinbar sind“, bemerkt Dirk Mewes. „Das gehört jedoch zum Deal dazu und Jobtimal ist in solchen Fällen sehr pragmatisch.“ 

Möglichst wenig Risiko und Bürokratie

Franz Reber will die Risiken für die Arbeitgeber minimieren. So steuert Jobtimal die Rekrutierung und die ersten Gespräche und der Arbeitnehmer bleibt nicht, wenn das „Matching“ nicht passt. „Das ist ein finanzieller Gewinn im Vergleich zu einer Vermittlungsagentur. Ausserdem sind wir sehr transparent und nennen mögliche Einschränkungen einer Person im Vorfeld.“

Damit sich die Unternehmen auf den Kern ihrer Arbeit konzentrieren können, kümmert sich der Verein um die administrativen Schritte. Die Begleitung durch die Coaches von Jobtimal kann für den Unternehmer und den Mitarbeiter bis zu 24 Monaten andauern. „Unser Slogan lautet: Viel Unterstützung, wenig Aufwand.“

* Zahlen des BFS, 2015

KMU-Portal für kleinere und mittlere Unternehmen, Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung, Dezember 2017: Link zum Artikel