Schweizerische Gewerbezeitung „Am gleichen Strick ziehen“

By 20. Juli 2022 Nachrichten

Angesichts des Verlusts seiner Frau fand sich Björn vor dem Nichts. In einer Abwärtsspirale gefangen, fasste er mit Unterstützung der Stiftung Terra Vecchia wieder Fuss. Dank der Zusammenarbeit mit jobtimal konnte er wieder eine Arbeit finden.

Vom Schicksal gebeutelt: Björn verlor seine Frau, und im gleichen Monat seine Arbeitsstelle. Anfänglich konnte sich Björn mittels Temporärjobs über Wasser halten und fand abends Trost im Alkohol. Die Abwärtsspirale, welche er damit losgetreten hatte, wurde immer schneller, und bald schon war der einzige Gedanke der, seine Alkoholsucht zu befriedigen. Endstation Sozialamt?

Lichtblick
Björn schildert, dass er buchstäblich vor dem Nichts stand. Er hatte keine Arbeit, keine Wohnung – und seine Gesundheit verschlechterte sich rapide. Das war für ihn der ausschlaggebende Punkt, Hilfe anzunehmen. Nach erfolgreichem Alkoholentzug startete Björn mit Terra Vecchia im Brienzwiler die Rückkehr in die Normalität. 2019 will Björn den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt wagen. Allerdings hat er Bedenken bezüglich seiner Leistungsfähigkeit. Lange Zeit war er weg vom ersten Arbeitsmarkt; die Angst, zu versagen, nicht zu genügen, ist gross. Alleine zu Hause sitzen, keine Aufgabe zu haben, dies war für ihn jedoch keine Option. Björn: «Ich wollte mich wieder nützlich fühlen und eine Befriedung für meine geleistete Arbeit und Lohn erleben dürfen. Ich wusste aber, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Von der Abteilung Soziales in Thun erfuhr ich erstmals von jobtimal und sah darin eine Chance.»

Neuen Mut – wenn alle am gleichen Strick ziehen
Die zuständige Sozialarbeiterin der Abteilung Soziales der Stadt Thun meldete Björn bei jobtimal an. Im Februar 2019 startet Björn gemeinsam mit jobtimal den Weg in die Arbeitsintegration. Dabei wird er in  Alltagsfragen weiterhin eng durch Terra Vecchia begleitet, zusätzlich zu den engmaschigen Coaching-Sitzungen bei jobtimal. Björn: «Die Zusammenarbeit mit jobtimal war lösungsorientiert und auf Augenhöhe. Meine Bewerbungsunterlagen hatten wir rasch erarbeitet, und ich fühlte mich ernst genommen, weil mein JobCoach auf mich einging und mir nichts aufzwang. Ich konnte entscheiden und fasste rasch Vertrauen zu meinem JobCoach.» Björn gelingt  es zunehmend, mehr und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Der Austausch an den  regelmässigen Sitzungen zwischen seiner Sozialarbeiterin, Terra Vecchia und jobtimal verläuft jeweils sehr konstruktiv und zielorientiert. Das hat Björn ermutigt, seinen Weg in die Arbeitswelt weiterzuverfolgen.

Chance
Ende April 2019 ist es so weit: Die Spitäler fmi AG, Interlaken, haben eine Stelle in der Logistik Gastronomie ausgeschrieben. jobtimal nimmt mit Tanja Berger, Leiterin Gastronomie, Kontakt auf. Diese zeigt sich sofort bereit, das Angebot von jobtimal kennenlernen zu wollen. Berger kannte jobtimal bisher nicht und war bereit, sich überraschen zu lassen: «An jobtimal hat mich der unkomplizierte Weg überzeugt. Wir haben uns aber intern abgesprochen, wie wir vorgehen sollten, falls dieser Einsatz nicht funktioniert.» Nach dem Probearbeiten von Björn stimmt der Betrieb einer Anstellung über jobtimal zu. Dabei überzeugt Tanja Berger vor allem der deutlich spürbare Wille von Björn, gute Arbeit leisten zu wollen. Durch seine ehrliche und offene Art gelingt es Björn, von Anfang an Vertrauen zu schaffen. Im Juni 2019 startet er bei der Spitäler fmi AG, vorerst über den Personalverleih von jobtimal. Sein Pensum beträgt von Beginn weg 80 %, jedoch mit einer reduzierten Leistungskomponente. Diese Leistungskomponente wird stetig überprüft und angepasst. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Involvierten – der Abteilung Soziales der Stadt Thun, Terra Vecchia, jobtimal, den Verantwortlichen der Spitäler fmi AG und Björn ist klar geregelt. Zu Beginn der Arbeit setzt sich Björn stark unter Druck. Er will möglichst keine Fehler machen und fühlt sich daher oft stark verunsichert. Dank mehr Routine sowie dem monatlichen Austausch aller Beteiligten gewinnt Björn zunehmend an Sicherheit, erkennt immer besser die Zusammenhänge und ist auch im Team gut integriert.

Weg in die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung
Im Juli 2020 wird Björn direkt durch die Spitäler fmi AG angestellt. Björn arbeitet nun in einem Pensum von 90 %, bei voller Leistung. Dadurch kann er sich von der Sozialhilfe ablösen. Die Begleitung von jobtimal sowie von Terra Vecchia läuft jedoch noch weiter, was von Björn wie auch vom Betrieb geschätzt wird. Heute, zwei Jahre nach Einstieg bei jobtimal, fühlt sich Björn sehr wohl und komplett in der Arbeit integriert. Er wohnt seit Kurzem in einer eigenen kleinen, gemütlich eingerichteten Wohnung. Abends komme er mit einem guten Gefühl von der Arbeit nach Hause, koche sich etwas und freue sich auf den nächsten Tag, meint Björn. Björn macht sich bereits Gedanken über seine weitere berufliche Zukunft. Erst kürzlich durfte er im Operationssaal
dem Lagerungspfleger über die Schultern blicken, was ihn begeisterte. Björn kann sich seine berufliche Zukunft in diesem Bereich gut vorstellen. Tanja Berger meint abschliessend: «Ab und zu ins kalte Wasser zu springen, bringt neue Erfahrungen – und wenn man in einem Betrieb Bereiche hat, in denen Fehler passieren dürfen, und ein gutes Team Unterstützung bietet, kann jobtimal genau das Richtige sein. Für mich hat sich die Anstellung von Björn vollkommen gelohnt.»

Schweizerische Gewerbezeitung vom 13.05.2022