Der Bund: «Ohne Ausbildung finden Sozialhilfebezüger kaum Arbeit»

By 26. Februar 2020 Nachrichten

Trotz guter Wirtschaftslage im Kanton Bern finden Sozialhilfebezüger ohne Ausbildung selten einen Job. Einfache Lösungen scheinen nicht in Sicht.

Wie gelingt im Kanton Bern die Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen? Neueste Zahlen der zuständigen Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) geben zunächst etwas Anlass zur Hoffnung: Demnach hat letztes Jahr die Anzahl erwerbstätiger Sozialhilfebezüger zugenommen. Als erwerbstätig gelten Personen, die mindestens eine Stunde pro Woche arbeiten und dafür Lohn erhalten. 2018 waren 32,7 Prozent der Personen über 15 Jahre erwerbstätig, Lehrlinge sind nicht eingerechnet. 2017 betrug deren Anteil noch 28,8 Prozent. Das entspricht einer Zunahme von fast 4 Prozent. Sind das womöglich Anzeichen einer Trendwende?

Es sei «grundsätzlich positiv», dass der Anteil der erwerbstätigen Sozialhilfebeziehenden im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sei, schreibt GEF-Sprecher Gundekar Giebel auf Anfrage. Ob die gegenüber dem Vorjahr gestiegene Erwerbsquote einem längerfristigen Trend entspreche, könne im Moment noch nicht gesagt werden, so Giebel.

Sensiblere Öffentlichkeit

Es ist das erklärte Ziel der GEF, die Anzahl Sozialhilfebezüger im Kanton Bern zu senken. Der Kanton Bern liegt heute mit einer Quote von 4,4 knapp rund ein Prozent über dem landesweiten Durchschnitt. Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) erhoffte sich eine Senkung der Quote durch die Einführung eines neuen Sozialhilfegesetzes. Er und die bürgerliche Mehrheit des Grossen Rates scheiterten damit aber in der Abstimmung im Mai beim Berner Stimmvolk. (Lesen Sie hier mehr über die Abstimmung mit nationaler Strahlkraft.)

Nun haben letztes Jahr auch ohne Kürzungen etwas mehr Sozialhilfebezüger eine Beschäftigung gefunden. Neben der guten Wirtschaftslage macht GEF-Sprecher Giebel für die positive Entwicklung auch die Anstrengungen zur Arbeitsintegration der GEF verantwortlich. Zudem sei die Öffentlichkeit heute mehr auf das Thema sensibilisiert.

Ohne Abschluss wirds hart

In der Stadt Bern teilt man zumindest einen Teil dieser Einschätzung. «Es finden derzeit mehr Sozialhilfebezüger eine Stelle, das ist sicher positiv» sagt Felix Wolffers, Leiter Sozialamt Stadt Bern. Er macht dafür aber hauptsächlich konjunkturelle Gründe verantwortlich. An eine Trendwende bei der Integration von Langzeitarbeitslosen glaubt er nicht, eher vermutet er das Gegenteil. Weil die Arbeitslosenstatistik des Staatssekretariats für Wirtschaft die ausgesteuerten Personen nicht erfasse, ist laut Wolffers bei der Öffentlichkeit ein «viel zu positives Bild» über die Beschäftigungsaussichten von Personen ohne Berufsabschluss entstanden. Um die Unqualifizierten wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, brauche es grosse Anstrengungen. «Gefragt sind im Arbeitsmarkt vor allem Fachkräfte.» Sozialhilfebezüger gehörten in der Regel nicht dazu.

«Grosse Herausforderung»

Bei der GEF hat man ähnliche Schlüsse gezogen: «Nach wie vor stellen die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für gering qualifizierte Personen eine grosse Herausforderung dar», schreibt die Behörde. Für diese Personen sei es schwierig, eine Arbeitsstelle zu finden. Hochkonjunktur hin oder her: Letztes Jahr sank im Kanton Bern die Sozialhilfequote gerade einmal um 0,1 Prozent. Immer noch sind rund 45000 Bernerinnen und Berner auf die Unterstützung des Sozialamts angewiesen. Von diesen haben 45 Prozent der über 25-Jährigen lediglich die obligatorische Schule abgeschlossen. Diese «arbeitsmarktfähigen Sozialhilfebeziehenden» möchte die GEF möglichst rasch wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern – keine leichte Aufgabe.

Bern macht einiges

Dabei steht der Kanton Bern bei der Arbeitsintegration noch vergleichsweise gut da. Rund 30 Millionen Franken gibt er jährlich für Integrationsprogramme aus. Der Kanton finanziere ein «sehr gutes Angebot» an Arbeitsintegrationsmassnahmen, bestätigt Wolffers. Dieses Angebot stehe allen Gemeinden zur Verfügung und sei im Vergleich mit anderen Kantonen vorbildlich.

Dazu gehört beispielsweise das Projekt Jobtimal. Es wurde 2013 vom Sozialamt der Stadt Bern initiiert und wird seit Anfang 2016 vom Kanton finanziert. Jobtimal richtet sich an Sozialhilfebezüger mit Leistungseinschränkungen und basiert auf dem Teillohnmodell. Dabei kommen die Arbeitgeber lediglich für die effektiv geleistete Arbeit auf, die Differenz zum Existenzminimum bezahlt der Sozialdienst. Jobtimal wird von Bernhard Emch präsidiert, der in seinem Liftunternehmen selber Sozialhilfebezüger angestellt hat. Arbeitsintegration bezeichnet er als «Herkulesaufgabe». (Lesen Sie hier mehr über die Erfahrungen mit Jobtimal.)

«Heisse Luft»

Und jetzt? «Um die Integrationsquote zu erhöhen, wird der Integrationsprozess derzeit auf mögliches Optimierungspotenzial beleuchtet, und es werden neue Ansätze verfolgt», heisst es bei der GEF. Mehr Vernetzung mit der Wirtschaft, mehr Zusammenarbeit mit Unternehmen und Arbeitgebern, Aufbau einer Kontakt- und Fachstelle – Ideen sind genügend vorhanden. Und auch an Kritik mangelt es nicht. «Die Massnahmen von Schnegg zur Arbeitsmarktintegration sind heisse Luft»,sagt etwa Stéphane Beuchat vom Berufsverband für Soziale Arbeit. Beuchat hegt den Verdacht, dass Schnegg nach der verlorenen Abstimmung nun versucht, auf andere Wege bei der Sozialhilfe zu kürzen.

Unterdessen ist man aber auch bei der GEF der Meinung, dass sich auch die Wirtschaft etwas bewegen muss. «Das stimmt sicher», räumt Liftunternehmer Emch ein. Er sieht vor allem bei Grossbetrieben Potenzial. «Die KMU sind häufig offener und engagierter bei der Arbeitsintegration.» Es mache aber keinen Sinn, einander den Schwarzen Peter zuzuschieben. Erfolgreiche Arbeitsintegration heisse: «Sozialpartner und Behörden müssen gemeinsam an einem Tisch die Herausforderung lösen.»

Darum wird die Sozialhilfe teurer

2018 wurden im Kanton Bern 44936 Personen durch die Sozialhilfe unterstützt – über 1500 Personen weniger als im Vorjahr. Die Sozialhilfequote sank von 4,5 auf 4,4 Prozent. Doch trotz weniger Sozialhilfebezüger stiegen die Kosten im gleichen Zeitraum um 0,6 Prozent auf rund 471 Millionen Franken an. Laut GEF-Sprecher Gundekar Giebel gibt es dafür vielfältige Gründe: So ist die Unterstützungsdauer im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, ebenso der Anteil der Lebenshaltungskosten, der durch die Sozialhilfe finanziert werden muss.

Ein weiterer Grund für die höheren Kosten ist auch, dass der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben oftmals über eine Teilzeitanstellung verläuft. Laut Giebel gehen die Leistungen für den Grundbedarf aus der Sozialhilfe zwar zurück, der Anteil der Zusatzleistungen kann aber steigen – etwa durch die Übernahme von Transportkosten oder bei der Fremdbetreuung von Kindern. «Ebenfalls kostensteigernd wirkt sich aus, dass die Gesundheitskosten stetig zunehmen und günstiger Wohnraum rarer wird», sagt Giebel. Wegen der steigenden Kosten will die GEF einzelne Sozialdienste genauer unter die Lupe nehmen. In einem Pilotprojekt werden derzeit sieben Sozialdienste durch externe Prüfer auf Qualität und Effizienz hin untersucht

Der Bund (Andres Marti), 20. Dezember 2019: Link zum Artikel